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UMBRUCH

Am 17. Juli 2020 eröffnete in der Kunsthalle Mannheim UMBRUCH. Das erste Zeichen von Johan Holten als neuem Kunsthallendirektor und gleichzeitig Kurator der Ausstellung. 

 

#umbruch

Für die Kunsthalle Mannheim mit Johan Holten, der dort seit 2019 die Leitung innehat und für diese Ausstellung auch als Kurator tätig wird. Der dem Haus natürlich seinen Stempel aufprägen möchte. Mit neuem Blick. Mit anderen Ansätzen. Mit dem Ziel „alle“ ins Museum zu holen, wie er im Curators Talk beim exklusiven Blogger-Event am 18. Juli 2020 sagt. „Alle“ in dem Fall inhaltlich und auf Besucher bezogen. Er schiebt aber auch gleich die Frage „Wer sind eigentlich alle?“ nach... 

 

INHALT

Werfen wir zunächst einen Blick auf das Inhaltliche. Die Kunsthalle Mannheim hat seit 2017 einen neuen Bau. Errichtet vom Hamburger Architekturbüro gmp ergänzt der große Kubus den Jugendstil-Bau von Hermann Billings. Gibt ihm mit fast 6000 qm einiges mehr an Fläche. Diese wird bespielt auf der einen Seite durch die hervorragende Sammlung des Museums selbst, zum anderen durch Wechselausstellungen. 

Der Baukörper selbst ist durchbrochen, lässt Tageslicht herein. Vor allem in das Atrium, aber auch auf den einzelnen Stockwerken – der Besucher hat immer wieder die Perspektive nach außen, kann die Dachterrasse betreten, sieht den Wasserturm. Und hat so immer das Äußere auch innen. Realität und Sammlung begegnen sich also in dem Bau durch den Bau. 

 

ALLE – Wer immer das ist...

Hiermit kommen wir auch zum zweiten Punkt, den Besuchern. Holten möchte das Gebäude mit Leben füllen. Die Mannheimer selbst sollen „ihr“ Museum entdecken aber natürlich auch Gäste von außerhalb. Dies gelingt durch interessante Ausstellungen, neue Konzepte, offene Türen. Bis Corona konnte man hier auch auf einigermaßen verlässliche Zahlen hoffen, konnte Hochrechnungen vornehmen. Mit der weltweiten Pandemie kam sämtlicher Besucherverkehr – nicht nur – in Museen zum Erliegen. Und brachte – vor allem – dem Kultursektor einiges an Unwägbarkeiten. Galt schon vorher Museum, spezieller noch Kunstmuseum als elitäre Einrichtung, so ist nun noch mehr als zuvor die Frage, wie man Besucher (wieder) lockt. Abholt. Ihnen ein angenehmes Erlebnis präsentiert. Sicher nach allen Vorschriften. 

 

Und dann war da ja die Frage nach dem „alle“. Wer ist „alle“? Wen sprechen (Kunst-)Museen an? Schon Victor Papanek (1923-1998; Designer und Designphilosoph) hatte sich zu dem Thema Gedanken gemacht und versucht, diese auch umzusetzen. Ihm ging es (neben vielem anderem) darum, den Begriff der Minderheiten neu zu denken. Vielleicht lässt sich dies am besten an einem Beispiel verdeutlichen: Smartphones lassen sich (mittlerweile) einhändig bedienen. Dies liegt ja aber (zum Glück) nicht an dem Umstand, dass es sehr viele Menschen mit nur einem Arm auf dieser Welt gibt. Wenn man nämlich diese „Minderheit“ der Menschen mit einem Arm neu denkt, wird recht schnell eine große Menge daraus. Menschen, nämlich, die nur temporär „einarmig“ sind, weil zum Beispiel an einem Arm einen Gipsverband tragen, weil sie ein Kind auf dem Arm tragen, ein Fahrrad schieben, die Einkaufstaschen tragen, mit der anderen Hand das Auto lenken (ahhhhh, halt nein, bitte nicht!!!!),... und so weiter. Ich glaube, meine Gedanken bzw. die Victor Papaneks sind deutlich geworden.

 

Kommen wir zurück zum „alle“. Und wer das ist. Sind das – in Bezug auf ein Kunstmuseum – alle die, die sowieso schon immer da waren? Alle Kunstinteressierten? Alle „im Umbruch befindlichen“ (bezogen auf die Ausstellung)? Alle Mannheimer? Alle... Schwierig zu definieren. Vielleicht ist der pragmatischere Ansatz der Victor Papaneks. Nämlich erst mal die „Minderheit“ neu zu denken. Also nicht alle, sondern erstmal mehr. Und andere. Ich denke, dass ist es auch, was Johan Holten sich wünscht: mehr Interesse zu wecken, mehr Besucher anzusprechen. Dies gelingt (wahrscheinlich) nur mit neuen Ideen. Und dann findet hier vielleicht auch ein Umbruch statt. ...ein Thema, über das noch viel mehr zu sagen ist. Hier soll es jetzt noch um andere „Umbrüche“ gehen. 

 

#umbruch 

Für uns alle durch Corona, die Ereignisse der letzten Wochen und Monate. Einiges ist „umgebrochen“. Manches abgebrochen. Oder sogar zusammengebrochen. Der Titel der Präsentation also mehr als passend. Ich würde dem Ganzen noch gerne eine positive Konnotation mit auf den Weg geben. Brüche müssen ja nicht im Sinne von „kaputt“ gedacht werden. Der Aufbruch zum Beispiel. Den gibt’s ja auch noch. Und der tut vielleicht auch ganz gut!

 

#umbruch

Gesellschaftlich. Durch und auf so vielen Positionen. An zahlreichen Stellen so dringend notwendig. Heute. In der Vergangenheit. Immer. Und immer wieder. 

 

#umbruch

In der Ausstellung. Angelegt durch das Baugerüst, das sich durch die Räume zieht. Das den Bruch verdeutlicht. Auf der einen Seite glatt. Ausstellungsfläche. Auf der anderen Seite roh. Konstruktion. Auch da noch einmal der Hinweis auf den „Aufbruch“, die Chance, die sich bietet...

Ebenso liegen der Ausstellung inhaltlich verschiedene Umbrüche zu Grunde. Sie gliedert sich in drei Abschnitte:

1.     Die Präsentation dreier Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit: Hanna Nagel, Jeanne Mammen und Anita Rée. 

Mannheim und die Kunsthalle sind sehr eng mit dieser Stilrichtung der sog. Zwischenkriegszeit verbunden.  Die Neue Sachlichkeit ist der Versuch, nach dem Ersten Weltkrieg die Desillusionierung sichtbar zu machen. Man beschränkte sich auf eine nüchterne Darstellung. Widmete sich gesellschaftlichen Themen. Dem Alltag. Dem Objekt. War kritisch. Klar. Versuchte, objektiv zu bleiben. Namen wie George Grosz, Otto Dix, Karl Hubbuch fallen in diesem Zusammenhang. 

1925 zeigt die Kunsthalle Mannheim unter ihrem damaligen Leiter Gustav Friedrich Hartlaub in einer großen Ausstellung die verschiedenen Positionen der Malerei und prägt den Begriff. Neue Sachlichkeit. Es sollte die einzige große Schau bleiben. Die nationalsozialistischen Angriffe nehmen zu. Hartlaub wird entlassen. Unzählige Künstler werden verfolgt, verachtet, getötet. Unter ihnen einige, die bis dato unbeachtet waren. Die auch in der Mannheimer Ausstellung nicht vertreten waren. Die nun – 2020  - ins Licht gerückt werden. Drei weibliche Positionen der Neuen Sachlichkeit. 

Anita Rée (1885-1933), die in ihren Portraits Bezüge zur Renaissance-Malerei aufweist: Die starke Frontalität der Dargestellten, der dunkle Hintergrund, die Technik. Sehr deutlich nachzuvollziehen an einem in Mannheim ausgestellten Werk, das ebenfalls das Motiv des Ausstellungsplakates ist: „Bildnis Hildegard Heise“ aus dem Jahr 1928. Anita Rée, die als Jüdin verfolgt, ihrem Leben 1933 ein Ende setzt. Ein großartiges Werk hinterlassen hat – neben den Porträts zahlreiche Landschaften und Stilleben.

Hanna Nagel (1907-1975). Andere Themen, andere Ausdrucksweise – mindestens genauso eindrucksvoll.  In der Wirkung fast schon ruppig. Spröde. Dabei unglaublich intensiv. 

Und natürlich Jeanne Mammen (1890-1976) die das Leben der Großstadt in den 1920ern zeigt. Ungeschönt. Teilweise nahe der Karikatur. Eine herrlich unverblümte Sicht auf ihre Zeitgenossen und die Gesellschaft. 

Alle drei Künstlerinnen ein deutlicher Hinweis an die Kunstgeschichte. Der Blick hat sich zwar in den vergangenen Jahren schon geweitet, doch noch immer gilt es – vor allem im Bereich der weiblichen Positionen – einiges aufzudecken, neu zu bewerten, zu sehen und wahrzunehmen. Umbruch.

2.     Sehr deutlich in Clément Cogitores Film „Les Indes Galantes“. Der gesellschaftliche Umbruch steht im Zentrum des zweiten Kapitels der Ausstellung. Nicht nur bei Cogitores, sondern auch bei Masar Sohail und Alexandra Pirici. Für mich persönlich in der Intensität am stärksten bei Cogitore (im Übrigen kann man den Film über YouTube unter dem oben genannten Titel finden). Schwer zu beschreiben, was hier auf der Bühne der Pariser Oper passiert. Es ist ein Tanz. Bewegung. Rhythmisch. Eindrücklich. Zur Barock-Oper „Les Indes Galantes“ von Jean-Philippe Rameau aus dem Jahr 1973. Moderner Street-Dance trifft Barock. Oder umgekehrt. Gänsehaut! 

3.     Durch die Werke von Nevin Aladağ, Kaari Upson, Hu Xiaoyuan. Der dritte und zugleich aktuellste Teil der Ausstellung. Die hier ausgestellten Kunstwerke sind eigens für die Kunsthalle Mannheim entstanden und verbleiben auch dort. Klang. Bildhauerei. Installation. Performance.

 „Mother’s Legs“ von Kaari Upson greife ich heraus – dies stellt jedoch keine Wertung dar, die anderen beiden Positionen mindestens ebenso sehens- und  hörenswert. Eine Installation bestehend aus riesigen Baumstämmen. Bemalt, von der Decke hängend. Begehbar. Laut Aussage der Künstlerin eine Erinnerung an das Gefühl, das man als Kind beim Verstecken hinter den Beinen der Mutter hatte. Die Idee von Beinen verstärkt dadurch, dass in die Struktur der Baumstämme Abdrücke menschlicher Knie eingeprägt sind. Ein bisschen gruselig. Sehr eindrücklich. 

 

...so und jetzt ist es an der Zeit für eigene Entdeckungen! Neugierig bleiben! J

 

 

        

 

 

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