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Aus sechs mach eins Oder: was haben Stühle mit Kaffee zu tun?!  

Puh, das war bestimmt nicht leicht: Den Kopf voller Ideen, eine leidenschaftlichen Hingabe für den Beruf und – kein Geld. Und das mitten in einer Zeit, in der die Ereignisse sich überschlagen, ständig etwas Neues passiert! 

 

Wir sind in der Mitte des 19. Jahrhunderts und begleiten heute Michael Thonet ein wenig auf seinem Weg. Ja, ganz richtig, das ist der Herr mit dem Stuhl – genauer gesagt: den Stühlen! (Ach und übrigens: der heißt wirklich „Thonet“, also so gesprochen wie geschrieben, nicht vermeintlich französisch angehaucht. Zwar könnte es sein, dass es einmal französische Vorfahren gegeben hat, denn der Name wurde ursprünglich mit „D“ geschrieben (und sieht dann tatsächlich noch ein bisschen französischer aus). Die Familie hat sich aber sehr bewusst für die deutsche Schreibweise entschieden und gegen die damals im Rheinland nach der Annexion nicht so beliebten Franzosen…)

 

Also, zurück zu Michael Thonet, der Ende des 18. Jahrhunderts in Boppard geboren worden war und somit mitten in eine Zeit des Aufbruchs hineinwuchs. In England hatte schon etwa 50 Jahre zuvor ein neues Zeitalter begonnen (auch wenn das den Zeitgenossen selbst natürlich noch nicht so bewusst war). Die „Spinning Jenny“ hatte daran einen nicht unerheblichen Anteil. Oh nein, keine verrückte Dame, sondern die erste Spinnmaschine, die wohl so um 1760 herum entwickelt worden war und den Prozess des Spinnens revolutionierte. Ihr folgten weitere Maschinen, die in der Textilindustrie, bei der Kohleförderung und auf vielen anderen Gebieten das Produzieren nachhaltig verändern sollten – so massiv, dass man gar von einer Revolution sprach, der industriellen Revolution. England wohlgemerkt. Nicht der Rest Europas. Hier befand sich zur gleichen Zeit alles noch in einer Art Dornröschenschlaf und es sollte noch etwa hundert Jahre dauern, bis der gleiche Schwung auch hier ankam. 

 

Aber dann brach es mit Macht los: die Eisenbahn verbindet (zum Beispiel) den einstigen Flickenteppich der Kleinstaaten des heutigen Deutschlands, Fabriken werden gegründet, die Industrie beschäftigt mehr und mehr Menschen, der Fortschritt hält Einzug. Nicht alles ist gut – nicht alles ist schlecht, aber vieles ist anders. Grundlegend anders. Für die neu entstehende Arbeitswelt, für die Gesellschaft, die Menschen.

 

Werfen wir doch mal einen kurzen Blick auf die Daten: 

Ca. 1760 entwickelt James Hargreaves die „Spinning Jenny“

1769 erhielt James Watt sein Patent für die von ihm entwickelte Dampfmaschine (nein, er hat die Dampfmaschine nicht erfunden, das war wahrscheinlich ein französischer Physiker schon Ende des 17. Jahrhunderts)

1819 fährt ein Raddampfer (die „Savannah“) in nur 26 Tagen über den Atlantik

1825 fährt die erste Eisenbahn für Personen von Stockton nach Darlington

1840 schreibt ein gewisser Justus Liebig über die Anwendung der Chemie in der Landwirtschaft (und entwickelt das, was wir später als Kunstdünger kennen sollen)

1851 findet in London die erste Weltausstellung statt

1853 die nächste Weltausstellung in New York

1855 noch eine Weltausstellung, diesmal in Paris

1861 wird der Satz „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ zum ersten Mal über das von Philipp Reiss entwickelte Telefon übermittelt

1882 baut Thomas Edison in New York das erste elektrische Kraftwerk der Welt

1883 entwickeln Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach einen Benzinmotor, ein Jahr später Rudolf Diesel den nach ihm benannten Dieselmotor

 

Und es geht weiter! Das waren jetzt gerade einmal hundert Jahre und es sind nur ein paar Daten, die ich ausgewählt habe. Die aber recht anschaulich zeigen, WAS sich alles verändert hat. 

 

Kommen wir zurück zu Michael Thonet. Geboren in Boppard am Rhein lernte er das Handwerk des Tischlers und machte sich als solcher selbständig. War wohl auch ganz gut in dem, was er tat und dementsprechend waren seine Produkte recht beliebt. Und er selbst war ein gewitzter Mann mit vielen Ideen. Der bald anfing, zu experimentieren. Mit Dampf. Und Holz. Verleimte Schichtholzleisten gebogen hat und daraus Möbel baute. 1836 zum Beispiel den Bopparder Stuhl entwickelte. Das Verfahren wollte er sich patentieren lassen. Gelang ihm aber nicht. 

 

Long story short: auf einer Gewerbeausstellung in Koblenz trifft Thonet Fürst Klemens von Metternich, der ihn an den Hof nach Wien einlädt. Also zum Arbeiten. Und er geht. Komplett mit seiner Familie. Erst noch nicht in einer eigenen Werkstatt, ein bisschen später dann schon. Und experimentiert weiter mit diesem Verfahren, dass er schon früh angewendet hat (das er nicht erfunden, aber verbessert hat), das wir heute als Bugholzverfahren kennen. Wobei Holz (später verwendet Thonet Vollholzstäbe, nicht mehr verleimte Holzleisten) unter Einwirkung von Feuchtigkeit und Wärme gebogen wird. So entwickelt er verschiedene Stuhlmodelle, die er auch auf der „Great Exhibition“ (der ersten Weltausstellung) in London oder auch 1855 in Paris präsentiert. Und ausgezeichnet wird für seine „Vienna bentwood chairs“. 

 

1859 entwickelt er DEN Stuhl. Den Stuhl Nr. 14 – besser bekannt als Caféhaus-Stuhl. Seriell und maschinell herstellbar, aus sechs Holzelementen bestehend, vielfach in gleicher Qualität produzierbar – der perfekte Stuhl. Bis 1930 sollen um die 50 Millionen (!) dieser Stühle produziert und verkauft worden sein. Zusammengeschraubt werden die Teile dort, wo man den Stuhl benötigt, so spart man Lager- und Transportraum, Produktionskosten und kann das Möbel entsprechend günstig an den Kunden verkaufen. Kein mühsam und aufwendig handwerklich hergestelltes Einzelstück, sondern ein Kind seiner Zeit, ein industriell gefertigter Stuhl.

 

In einer Stadt entwickelt, die zu dieser Zeit explodiert. Also im übertragenen Sinn. Zum Beispiel, was die Bevölkerungszahlen angeht. Hat Wien um 1800 noch 230.000 Einwohner, so sind es knapp hundert Jahre später schon etwa 2 Millionen! In der Stadt prallen Welten aufeinander: auf der einen Seite der Adel und das Großbürgertum – auf der anderen Seite das Elend eines Großteils der Bevölkerung. Natürlich muss auf diesen rasanten Bevölkerungswachstum auch die Stadt reagieren. Und sie tut es. Sie wächst. Im 19. Jahrhundert erreicht Wien schon die Ausdehnungen, die es bis heute hat!

 

Vor allem dehnt sich die Stadt damals über die ehemalige Befestigung hin aus und schließt die Vorstädte in das Stadtgebiet mit ein. Bebaut wird der Bereich zwischen den Befestigungsringen, das sogenannte Glacis-Feld. Es war in der Festungsanlage der Teil, der unbebaut und unbewachsen blieb und somit den Feind bloßstellte – ihm jede Deckung nahm und so eine gute Verteidigung aus der Festung heraus ermöglichte. Ein freies Schussfeld. Ziemlich grausam. In Wien hatten sich hier über die Zeit hinweg Gärten und landwirtschaftliche Nutzung angesiedelt. Das Feld wurde also recht friedlich genutzt. Bis Wohnraum wichtiger wurde als die Nahversorgung. Und das war in etwa der Zeit, als Michael Thonet mit seiner Familie nach Wien kam. Da bebaute man nämlich nach und nach diese Glacis und es entsteht eine ringförmige Anlage neuer (öffentlicher) Bauten um die Stadt. 5,2 km lang, viele Gebäude im Stil des Historismus, heute Weltkulturerbe. Staatsoper (damals noch Hoftheater), das Parlament, das Rathaus, das Burgtheater, die Votivkirche, das Kunsthistorische Museum und vieles mehr entsteht. Und die Familie Thonet (und natürlich viele andere) mitten drin. Wow, was für eine Veränderung, was für eine Zeit! Und über die lange Bauzeit an der Ringstraße wird der Historismus so langsam aber sicher unpopulär und es macht sich auch hier langsam, aber sicher der Jugendstil (in Wien: Sezessionsstil) breit. Zum Beispiel mit Otto Wagners großartigem Postsparkassengebäude. Es wird 1905 eröffnet, das erlebt Michael Thonet nicht mehr. Er war bereits 1871 verstorben und ist auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. (Und ich kann nicht anders. Jeeeeeedes Mal kommt mir beim Wort Zentralfriedhof das Lied von Wolfgang Ambros in den Kopf, jeeeeeedes Mal! „Es lebe der Zentralfriedhof und olle seine Toten…“)

 

Lassen wir sie ruhen, dort auf der größten Friedhofsanlage Europas (wirklich wahr, dort finden sich die Grabstätten von ca. drei Millionen Verstorbenen). Schlendern wird doch noch ein wenig durch Wien, an der Hofburg vorbei zu einem der – wie ich finde – eindrucksvollsten Grabdenkmale in der Augustinerkirche. Dort befindet sich das von Antonio Canova um 1800 erbaute Monument für die Erzherzogin Marie Christine von Sachsen-Teschen – eine Paradebeispiel des Klassizismus. Oh, aber schon wieder Grabmal. Gehen wir weiter. Ach nein, halt stopp, Sachsen-Teschen ist ein gutes Stichwort! Albert Kasimir von Sachsen-Teschen war übrigens der Gründer der Albertina, einem der großen Kunstmuseen der Stadt, das die bedeutendste grafische Sammlung der Welt beherbergt (Dürers Feldhasen findet man dort zum Beispiel). Und übrigens: Albert Kasimir hatte am 10.2.2022 seinen 200. Todestag. 1822 ist der Herzog, Schwiegersohn von Maria Theresia und eben Ehemann jener gerade erwähnten Marie Christine verstorben. 

 

So, langer Ausflug. Es wird Zeit kulinarische Genüsse! Sachertorte oder lieber ein klassisches Wiener Schnitzel?! Oder vielleicht einfach nur eine Wiener Melange auf einem Caféhausstuhl und Leute beobachten? Was auch immer es ist: Wien ist eine Reise wert und man kann dort hervorragend auf den Spuren von ach so vielen kreativen Geistern wandeln!

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